Nachdem seit dem 09.01.2012 die ersten Boardpartnerkarten erhältlich sind, haben wir einige mit unserem Sample verglichen, Wärmeleitpasten getestet, die Übertaktungsgrenze ausgelotet, sowie Stromverbrauch, Temperaturen, Effizienz und Lautstärke ermittelt.

Eigentlich wollten wir mit weiteren Grafikkarten-Vergleichen warten, bis die Radeon HD 7950 verfügbar wird, haben uns aber wegen der hohen Übertaktbarkeit, guten Effizienz, augenscheinlichen Streuung bei der Chipqualität und dem etwas merkwürdig assemblierten Sample von AMD dann doch zu diesem Artikel entschlossen. Immerhin sind 200 bis 300 MHz Mehrtakt ohne Spannungserhöhung bei nur sehr moderat steigender Leistungsaufnahme durchaus eine Hausnummer. Nur - wie gut skalieren Takt und Leistung wirklich?
Außerdem wollen wir zunächst klären, warum es eigentlich egal ist, welche Karte im Referenzdesign gekauft wird. Der Witz ist nämlich, dass die sich die aktuellen Boardpartnerkarten nur durch den Preis und einen kleinen Aufkleber unterscheiden. Wir haben die Herkunft der Karten nämlich mal nachgeprüft.
Der Placebo-Effekt
Glaubt man einigen Testergebnissen oder den Äußerungen der stolzen Besitzer, dann hat die Legendenbildung bereits begonnen, welcher Hersteller wohl die schnellsten, leisesten oder am besten bestücktesten Referenzkarten herstellt. Testfrage: welche der drei abgebildeten Karten ist das Testsample und welche ist jeweils die Karte von HIS bzw. Sapphire?

Na? Es ist ohne die Lektüre der weiteren, nachträglich aufgeklebten Label gar nicht möglich! Was können wir daraus schlussfolgern? Dass im Prinzip alle bisher festgestellten Differenzen eben NICHT den jeweiligen Herstellern zuzuschreiben sind, sondern überwiegend aus der Streuung der jeweiligen Chips und der in der jeweiligen Ausführung verwendeten BIOS-Version resultieren! Man sollte deshalb nicht den Fehler begehen und eine einzige Karte pro Hersteller mit jeweils nur einer Karte eines anderen Herstellers vergleichen (und diesen damit faktisch auf- oder abwerten) - die Streuung kann faktisch jeder Shop nachvollziehen, der über mehrere Karten eines Herstellers aus verschiedenen Herstellungszeiträumen verfügt. Auch zwei Karten einer Charge mit identischem BIOS können im Bezug auf Lasttemperatur und Übertaktbarkeit durchaus messbar voneinander abweichen.
Falls sich ähnlich gut übertaktbare Karten unter Last als lauter oder leiser erweisen, jedoch über unterschiedliche BIOS-Versionen verfügen, dann kann man durch einen einfachen Flash einer nominell lauteren Karte auf das andere BIOS der leiseren Karte schnell wieder Abhilfe schaffen. Es wird sicher nicht lange dauern, bis man die idealste BIOS-Version auf den einschlägigen Seiten zum Download angeboten bekommt.
Wenn wir auf den nächsten Seiten die drei Samples vergleichen und namentlich mit den Herstellernamen bezeichnen, dann ist dies ausdrücklich keine Wertung der Firma A oder B, sondern dient nur der Unterscheidung und Untermauerung dessen, was wir mit diesem Test zum Ausdruck bringen wollen: Die Chips sind durch die Bank weg gut, aber sie streuen in der Qualität extrem. Der Rest ist dann Chip-Lotto mit einem Systemschein für ca. 500 Euro.
Aufschrauben und staunen
Da der Normalkäufer im Allgemeinen doch Hemmungen hat, an das teuer bezahlte Stück Hardware sofort selbst Hand anzulegen, haben wir uns getraut und die HD 7970, die von AMD zum Launch verschickt wurde, einmal gründlich auseinandergenommen. Wir waren zunächst geschockt von Leistung, Wärme und Lautstärke. Dass da etwas nicht stimmen konnte, war uns schnell klar, aber was? Ein Blick auf den Chip brachte dann schnell Klarheit.



Unter dem Kühler entdecken wir dann auch den Chip und das neue Layout der Karte. Wenn man die Anordnung von RAM, Chip und Spannungswandlern betrachtet, dann wird schnell klar, warum herkömmliche Zubehörkühler fast immer nicht passen.

Größe und Lochabstände sind ähnlich - aber nur neue Kühler passen wirklich
Für die Experimentierfreudigen unter den Lesern haben wir die wichtigsten Maße einmal aufgelistet. Man hat dann genug Muße, selbst im Zubehör zu kramen und vielleicht doch eine passende Variante auszuknobeln, wenn man nicht auf die Vielfalt der angepassten Kühler aus dem Zubehörhandel warten möchte. Außer von Arctic findet man da leider momentan noch nicht allzu viel.
Synthetische Grafikbenchmarks und Spielegrafik
Zum Einsatz kommt wiederum der auf 4,6 GHz übertaktete Core i7 2600K aus dem neuen Testsystem. Die nachfolgenden Benchmarks sind nur ein kleiner Auszug aus unserer neuen Benchmarksuite für die Grafikkarten-Charts 2012, zudem beschränken wir uns in diesem Artikel zusätzlich nur auf die Auflösung von 2560 x 1440 Pixeln und die jeweils maximal möglichen Einstellungen. Der Grund liegt auf der Hand: Die Karten sind mittlerweile in einigen Situationen schon so schnell, dass man bei mittleren Einstellungen und einer Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln in eingen Benchmarks bereits eine ganz leichte CPU-Limitierung merkt, die die Messergebnisse verfälschen könnte. Da es uns jedoch an dieser Stelle um die Leistungsskalierung mit dem Takt geht, ist diese Auswahl durchaus repräsentativ.





Zwischenfazit:
Die HD 7970 skaliert durchweg hervorragend, denn je nach Spiel sind bei jeweils 100 MHz Taktanhebung konstant zwischen 5,5 und etwas über 8% drin. Einen Leistungsknick oder Bildfehler als Ankündigung der OC-Grenze konnten wir übrigens auch nicht feststellen - wenn es einfriert, dann plötzlich und ohne Ankündigung.
Leistungsaufnahme - Steigerung in homöopathischen Dosen!
Wir waren eigentlich perplex, nachdem wir den Takt um fast 30% erhöht und das Ergebnis gemessen hatten. Irrtum ausgeschlossen, denn auch die Zwischenstufen belegen das sehr erfreuliche Endergebnis. Noch nie ließen sich High-End-Karten so leicht und effizient übertakten. Betrachten wir nun die Werte im Einzelnen.



Zwischenfazit
Die Steigerung der Leistung der Karte durch das Übertakten erfolgt erfreulich effizient, soweit man bei Leistungsaufnahmen von über 250 Watt noch davon sprechen will. Immerhin erreicht man bei 100 MHz Taktsteigerung und nur 1,6% mehr Leistungsaufnahme erstaunliche 5 bis 9% durchschnittliche Mehrleistung (je nach Spiel oder Anwendung). Bei 200 MHz Übertaktung und knapp 4% mehr Leistungsaufnahme registrierten wir im Schnitt 9-17% Mehrleistung und bei 300 MHz Übertaktung waren es bei einer um ca. 8% erhöhten Leistungsaufnahme noch 14 bis 23% mehr erzielbare Rechen- bzw. Spieleleistung. Beim Bitmining war die Karte interessanterweise bei 1125 Mhz also dem maximal im CCC möglichen Takt am effektivsten, teilt man die erzielbaren MHashs/s durch den Watt-Wert.
AMD hat zwar nachweislich ein Golden Sample geschickt (keine der anderen Karten erreichte so gute Einzelwerte), jedoch liegen die Boardpartnerkarten gar nicht so weit weg. Selbst die übertaktbaren 200 Mhz der Sapphire-Karte sind noch erstaunlich - betrachtet man den nur geringen Anstieg der Leistungsaufnahme. Ein wenig Streuung ist also im Rahmen der Produktion möglich. Trotzdem ist auch dieser Wert ansehnlich und verspricht eine gute Übertaktbarkeit in der breiten Masse.
Schlussbemerkung und Kaufempfehlung
Die aktuellen Referenzkarten sind genauso gut, wie sie leider auch laut sind. Neben der geradezu genialen Übertaktbarkeit und der sehr moderaten Steigerung der Leistungsaufnahme bei Takterhöhung, ist es vor allem die nahezu lineare Skalierung und Umsetzung der Takterhöhung in Grafik- und Rechenleistung, die uns gefiel. Dies ist nicht unbedingt selbstverständlich, betrachtet man z.B. einzelne OC Modelle der GTX 560 Ti, die so hoch getreten wurden, dass sie 300 Watt und mehr aufnehmen, ohne eine sparsamere GTX 570 in der Summe wirklich deutlich zu übertreffen. Bei der HD 7970 fällt der Mehrverbrauch hingegen fast schon minimalistisch aus, so dass man aus dem Blickwinkel der Effizienz im Verhältnis von der Rechenperformance zur aufgenommenen Leistung fast schon in Begeisterung ausbrechen könnte. Notorische Bitminer werden diese Karte schon aus finanziellen Gründen übertakten wollen, denn der 200 MHz-Sprung kostet nichts, bringt aber erstaunlicherweise mehr Effizienz.

Wer im Gaming bei Metro mit 29 fps die maximalen Settings bei 2560 x 1440 Pixeln noch verfluchen mag, ist dank eines kleinen Schiebereglers und nur ca. 18 Watt Mehrverbrauch im Spiel schnell mal im spielbaren Bereich von reichlich 34 fps gelandet - eine kleine Galaxie im Hinblick auf die 24 fps der nicht übertakteten Nvidia GTX 580 - immerhin knapp 42% mehr Spielleistung, auch wenn es sich hier nur um ein Beispiel handelt.
Fazit
AMD ist eine akzeptable Karte gelungen, die bis zum Erscheinen der Kepler-Karten von Nvidia ein Einzelgängerdasein an der Leistungsspitze fristet, auch wenn viele von höheren Leistungswerten ausgingen und enttäuscht reagierten. Lassen wir die akustischen Nachteile des Referenzdesigns mal beiseite, dann sind vor allem die kostenlos mitgekauften Reserven von bis zu 20% (und mehr) Leistungssteigerung durch einfaches Übertakten das eingesetzte Geld schon irgendwie wert. Warten wir gespannt auch die Produkte des Mitbewerbers ab, denn die 28-nm-Technologie ist durchaus zu einer interessanten Geschichte geworden. Solange wir das Referenzdesign betrachten, nehmen sich die Hersteller außer der Gestaltung der Verpackung, des Lieferumfangs und der aufgeklebten Label nichts.
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